Als Fotografen oder Fotografinnen sind wir immer auf der Suche nach dem perfekten Bild.

Wir verbringen Stunden damit, unsere Sets auszuleuchten, stehen morgens früh auf, um den perfekten Sonnenstrahl zu erhaschen, vermeiden jegliche Störimpulse, wie stürzende Linien, schiefe Horizonte oder falsche Lichtakzente und bearbeiten in mühsamer Kleinarbeit jeden Pixel des Bildes, um den letzten Rest aus unserer Kunst herauszuholen.
 
Die Dinge, auf die wir als Bildermacher achten, sind schier unendlich.
Seit dem 11. Jahrhundert haben wir unsere Techniken stets verfeinert, aus der "camera obscura" wurde der Ablenkspiegel, aus dem Schwarzweißfoto wurde das Farbfoto und die analoge Kamera ist der digitalen Knipse gewichen.
 
Mittlerweile sind sie vorbei, die Zeiten von Silberhalogeniden und Barytpapieren, es leben die Bits und Bytes, Megapixels und Acryl-Glas Fineart Alu-Dibonds.
 
Entwickler, Fixierer und Wasserbad sind out, denn sie leben: Lightroom und co.
 
Eines hat sich allerdings nicht geändert.
Linsenflecken, chromatische Abberationen, tonnen- und kissenförmige Verzerrungen, Randlichtabfall und Randunschärfen, gehören immer noch zu den unliebsamen Begleitern unseres Alltages.
 
Alles, aber auch wirklich alles, setzt die Industrie daran, um diesen Begleiterscheinungen den Garaus zu machen. Vergütete Gläser in unzähligen Linsengruppen, am besten in wasserdichtem und feuerfestem Magensiumkleid, reihen sich neben Hitech-Lichtanlagen und Supercomputern in die Reihen dieser technischen Innovationen ein. 
 
Clockface © 2012 by Thorsten Kuttig | The IE·DNlab Project

 

Alles für den Fotografen, alles für das Bild.

Und dann kommt er…er, der das alles irgendwie anders sieht.
Auch er ist auf der Suche nach dem perfekten Bild.
Die beste Ausleuchtung, das schönste Sujet und die grandioseste Bildsprache sind nie perfekt genug, für seine Art von Realismus.
Dennoch macht er sich genau das zunutze, was wir doch eigentlich alle vehement aus unseren Bildern verbannen wollen.
 
Ich spreche vom 3D-Artisten.
Von dem, bei dem man beim Wort "Artist" entweder an einen Zirkusartisten oder einen Künstler denkt und dessen Neutrum-Schreibweise vielleicht eher an ein "cyber-virtuelles Etwas" denken lässt, denn an einen, der Bilder macht.
 
Und der hat so ganz andere Ansichten, wenn es um CA und co. geht.
Der schickt das 50 ASA Filmkorn auf die Halde, nein, er programmiert, wenn es sein muss, spezielle Filter für das perfekte 400 ASA Korn.
Wenn das nicht reicht, krümmt er das Bild – und der Lichtabfall am Rand? Gerne doch!
Fehlfokus, Wackelkamera und Vignetten sind also seine besten Freunde.
 
Mercedes Benz Museum © 2012 by Thorsten Kuttig | The IE·DNlab Project
 
Dazu eine kurze Geschichte:
Für eine große bekannte schwäbische Automarke galt es, einen Film umzusetzen.
Vollkommen virtuell, aber "supertotal real". Das war der Anspruch.
 
Da ich als 3D-Artist und Lead-Animator für Animation und Kamera zuständig war, stand ich in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur.
 
Der, der seit Urzeiten seine Filme in Südafrika auf Celluloid bannte, tonnenschwere rigs auf die Autos schnallte und sich nun auf das neue Terrain der Computer-Animation wagte, äusserte sich wie folgt:
 
"Junge, wir sind hier in der Computergrafik. Endlich muss ich nicht mehr mit ruckeligen Heliflights leben, endlich darf meine Kamera am Auto festgenagelt sein und endlich kann ich Kameraflüge machen, die ihresgleichen suchen"
 
Wie um Himmels Willen sollte ich jetzt damit umgehen?
Er wollte es real, aber ich durfte es nicht real machen.
 
So fing ich mit dem Animieren an.
Rasante – und eigentlich schon wieder völlig irreale – Kamerafahrten, bei denen die Kamera vor dem Sportwagen hin- und her schwenkte und sich ihre virtuelle Seele aus dem Leib ruckelte.
 
Das ganze gespickt mit ungebrochener Fahrwerksdynamik, wippender Karosse und durchdrehenden Reifen.
 
DAS….war ein Fehler!
 
Nein, man sollte dem Kamerarig nicht anmerken, dass es eigentlich 40 KG wiegt, es sollte federleicht sein.
Die physikalischen Gesetze der Kinetik sollten völlig ausser Kraft gesetzt werden, sogar das Fahrzeug – was allein schon gesundheitsbedingt – mit Federbeinen ausgestattet war, musste auf der Straße liegen, wie angenagelt oder besser angeschweisst.
Das Bild hatte clean zu sein, kein Korn, keine Linsenfehler und der virtuelle Heli hatte gefälligst ohne jedwede thermische Einflüsse seinen Dienst zu tun.
 
Nun, da ich selber Sportwagenbegeisteter bin und aus der Aero-Technik komme, entsprach das alles nicht meinem Konzept von "Realismus".
Die Kamera musste für mich eine Trägheit haben, die Erde sollte beben, wenn 500PS an der Linse vorbeirauschen, ich wollte die hyperpotente, Asphalt aufreissende PS Schleuder in Szene setzen.
 
Der Kunde ist König?
 
Ja…ist er. Und so definierte ich für mich den Begriff des "Hyperrealismus" neu.
 

Obwohl wir beide den gleichen Ansatz verfolgten, nämlich den der Umsetzung eines tollen Filmes, waren unsere Sichtweisen doch so unterschiedlich.

 
Also Fotograf sage ich: "Um Himmels Willen bitte keine Dunsteffekte im Bild", als 3D-Artist sage ich: "Her damit, das wirkt total realistisch, so muss es ausschauen!"
 
Woran liegt das?
Der Computer kennt nur "0" und "1".
Das, was ich eingebe, eintippe, einstelle, entspricht exakt dem, was am Ende herauskommt…und das ist clean, sieht aus wie geleckt, ohne Fehler, ohne Ecken und Kanten.
 
Aber was ist "Realismus"?
Ich definiere es für mich so, dass seit meiner Geburt in meinem Gehirn gelernte und gespeicherte Informationen immer wieder aufs Neue miteinander verglichen werden. Diese Informationen basieren auf Gesehenem, Gehörtem, Gefühltem, Gerochenem und Geschmecktem.
 
Der Computer – oder vielmehr das Resultat, welches durch den Computer entsteht – vernachlässigt das olfaktorische und gustatorische, bleiben also das auditive, haptische und visuelle.
 
Seit 100 Jahren wird Film auf Celluloid gebannt und wir sind es gewohnt, dass in dunklen Szenen das Bild rauscht.
Der Kameramann weiß durch seine eigene Erfahrung, dass nach wenigen Minuten Film- oder Fotoarbeit, der Arm immer länger wird und der Fotograf ist Unschärfen im Bild gewohnt, weil die mechanische Technik eben immer an ihre Grenzen stößt.
 
Während in einem Computer das "gerenderte" (berechnete) Bild immer zu perfekt ausschaut, bedarf es bei der Fotografie in den meisten Fällen einer Aufwertung des ebensolchen.
 
 
Wir bringen beides also nur glaubwürdig zusammen, indem wir den Computer dazu bringen, das gerenderte Bild "abzuwerten", dabei ist es egal, ob es sich um Fotografien oder Filme handelt.
Aber noch wichtiger wird diese Tatsache, wenn wir beides miteinander zu sogenannten "compositings" vermischen, die man sich wie sandwiches vorstellt. 
 
Einzelne Ebenen aus Fotografien und virtuellen Elementen, die zusammen später ein homogenes, glaubwürdiges und kausal realistisches Ergebnis hervorbringen (insofern der Realismus der Anspruch ist, den es zu erfüllen gilt).
 
In diesen compositings ist also das Verschmelzen beider Teile zu Einem, das allererste Ziel.
In einem späteren Prozess wird dann das "Eine" zu "Einem Schönen" gemacht.
 
Das bedeutet dann z.B. das Ausfressen und Entschärfen von harten Kanten virtueller Objekte, das Angleichen von Licht (mittels HDRI-Aufnahmen) und geht über das Anpassen des Foto- und Filmkorns, bis hin zu Linsenfehlern, perspektivischer Angleichung und vielen anderen Aspekten.
 
Im Konsenz kann man also sagen, dass unsere "Sichtweisen", also die des Fotografen und die des 3D-Artisten eigentlich gleich sind und sich nur die jeweiligen Ausgangspunkte (sozusagen bilateral symmetrisch) gegenüberliegen.
 
Irgendwann – in nicht allzu ferner Zukunft – wird es uns die Technik ermöglichen, noch perfektere Bilder zu generieren, aber….würde es dann noch so viel Spaß machen?
 
In diesem Sinne: Mögen die Pixel mit euch sein!
 

weitere Infos unter http://www.e-sence.de/

 
 

 

ÜBER DEN AUTOR: Thorsten Kuttig | The IE·DNlab Project
Ich bin 3D Artist/Character Animator und Hobbyfotograf seit über 20 Jahren und bereise die Welt, um sie in Bild und Ton in all ihrer Schönheit festzuhalten.
Hauptsächlich fotografiere ich Landschaften und erstelle daraus HDRI-Aufnahmen, 360 Grad Panoramen und ab und zu auch Gigapixel-Panos.

 

Categories: Allgemein

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